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22.06.2022

Brief zum Schuljahresende

Foto: Unsplash / Onlineprinters (@onlineprinters)

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

 

mit Ausgabe der Zeugnisse haben wir alle das Schuljahresende erreicht, erneut unter erschwerten Bedingungen. Das Schuljahr 2021/22 war von Krisen geprägt. Sie haben alle viel Durchhaltevermögen und Resilienz bewiesen. Das verdient besondere Anerkennung! Unser Land hat Glück, Schulleitungen wie Sie zu haben.

Wir haben unsere Schulen bei einem großen Schritt in das digitale Lernen begleitet, als Digitalisierung nicht mehr nur ein mehr oder minder interessantes Zukunftsprojekt war, sondern von heute auf morgen unverzichtbare Notwendigkeit.

I.

Gerne würde ich Ihnen voller Zuversicht schreiben, dass nächstes Schuljahr alles einfacher, geschmeidiger läuft. Leider aber ist die Krise noch nicht ganz überstanden, auch wenn es scheint, als habe die Politik die Lust an Corona verloren. Wie schon in der Vergangenheit droht die Vorbereitung auf die nächste Welle in den Herbst- und Wintermonaten einmal mehr auf der Strecke zu bleiben.

Als Schulleitungen sind wir oftmals die ersten Ansprechpartner*innen für die großen Themen unserer Zeit, die in den Familien unserer Schüler*innen diskutiert werden, die aber auch in unseren Schulgemeinden berechtigt Sorgen bereiten: Kriege,  wirtschaftliche Veränderungen, Arbeitslosigkeit, Klimawandel. Der Angriff Russlands auf die Ukraine ist eine entsetzliche Tragödie, nicht nur für die Menschen dort. Es ist zugleich ein Angriff auf unser Wertesystem, auf die europäischen Demokratien. Er zielt auf unsere Art zu leben, auf unsere Freiheit. Und belastet unser aller Zukunft.

Als selbstverständlich angenommene Werte sind plötzlich ins Wanken geraten. Jede Veränderung birgt aber auch eine Chance, hin zum Besseren. Die Verantwortung für ein besseres, gerechteres, nicht zuletzt auch der Nachhaltigkeit verpflichtetes Leben verbindet uns mit Menschen auf der ganzen Welt. Noch nie war es für Schulen wichtiger, sich bewusst für die Demokratie einzusetzen. Nie war es wichtiger, unsere Werte zu verteidigen. Selten in der Geschichte war die Pressefreiheit so bedeutsam, kam es auf die Fähigkeit an, kritisch mitzudenken und zwischen news und fake news zu unterscheiden.

Noch nie war es wichtiger, Gruppierungen entschieden entgegenzutreten, die unseren Staat, die Politiker, Polizei, Justiz, Presse, gar die Schulen oder Bevölkerungsgruppen verächtlich machen, spalten wollen, ihnen Bedeutung und Legitimation absprechen:

II.

Schulleitungen stehen hier als der Fels in der Brandung.

Unsere Rolle als Schulleitungen hat sich in den letzten Jahren rasant verändert: Schuleiter*innen sind heute Manager hochkomplexer Systeme mit einer Schulgemeinde von bis zu 4.000 Menschen, einer internationalen und interreligiösen Schülerschaft, diversitysensiblen und multiprofessionellen Kollegien. Und einer ebenso hochdiversen Elternschaft. Tradierte Familienmuster sind längst durchbrochen, Familienkonstellationen komplexer geworden. Das ist gut so, denn genau das macht eine lebendige Gesellschaft aus: Menschen in Veränderung.

Demgegenüber steht eine Dienstaufsicht, die nach Paradigmen Schulleitungen anweist, die heute wie aus der Zeit gefallen scheinen: Schulleiter*innen aller Schulformen sind seit Jahren mit Krisenbewältigung und Mangelverwaltung beschäftigt, mit Teambuilding und Personalentwicklung, Statistik und Sozialberatung, während die Komplexität der sich verändernden schulischen Realität von der Politik schlichtweg ignoriert wird.

Die Schulleitungsvereinigung NRW beklagt zudem, und das auch nicht erst seit gestern, den zunehmenden Mangel an Bewerber*innen für Funktionen in der Schulleitung. Aber gibt es wirklich zu wenig Interessenten?

Es gibt Interessenten, allerdings scheinen Politik und Dienstaufsicht noch nicht bereit zu sein für eine neue Schulleitergeneration. Die Politik sieht in Schulleitungen nach wie vor „nur“ Lehrkräfte mit zusätzlichen Verwaltungsaufgaben, die Vergütung entspricht in ihrer Wertigkeit genau diesem Bild. Demgegenüber stehen zunehmend Angebote aus der Wirtschaft, die längst die Managementqualitäten, Kompetenzen und Talente von Schulleitungsmitgliedern erkannt haben und wertschätzend aufnehmen.

Die Politik versucht, Probleme „ihrer“ Schulen einer längst überholten Vergangenheit mit Methoden zu lösen, die eben diese Probleme hervorgebracht haben. Was wurde in den letzten fünf Jahren denn zur Stärkung unserer signifikant systemrelevanten  Schulleitungen gemacht?

Es reicht nicht, zu Tausenden Lehrerstellen auszuschütten, die nie besetzt werden können, weil es keine Bewerber*innen gibt. Es reicht nicht, wenn die Landespolitik „wertschätzend“ Mittel in den Landeshaushalt einstellt, die unsere Schulen faktisch nicht erreichen. Es reicht nicht, sich für Interkulturalität an Schulen auszusprechen, wenn sich die Politik nicht den damit einhergehenden Herausforderungen stellt.

Und, hochaktuell, reicht es auch nicht, iPads an Schulen zu liefern, wenn tragfähige Lösungen für die dauerhafte Sicherstellung des First- und Second-Level-Supports in den Kommunen als Schulträger bloße Anglizismen bleiben, weil die fehlende Klärung datenschutzrechtlicher Fragen in Ministerium und Kommunalverwaltung traurige Tradition hat.

III.

Wir wünschen uns, dass Schulleiter*innen in Politik und Verwaltung endlich als eigenständiger Berufsstand angenommen werden und in ihrem Wirken angemessene Wertschätzung erfahren.

Nordrhein-Westfalen braucht moderne Schulen, die Schülerinnen und Schülern eine fachlich optimale, solide Bildung und damit Zugang zu einer hochdynamischen Welt von morgen wie selbstverständlich bieten.

Es wirkt beunruhigend, dass in den bisherigen Koalitionsverhandlungen keine der beiden zukünftigen Regierungsparteien klar das Interesse bekundet, ein für das Land so wichtiges Ministerium wie das Schulministerium zu verantworten.

Das Angebot der Schulleitungsvereinigung NRW, Politik und Verwaltung mit der Expertise unserer zahlreichen Mitglieder auch in der kommenden Legislaturperiode praxisnah zu beraten und zu begleiten, steht. Wir hoffen, dass es angenommen wird.

 

Ein besonderer Dank geht an dieser Stelle an Herrn Ralf Niebisch, mein Stellvertreter im Vorsitz, der mit mir gemeinsam viele Stunden im Ehrenamt dem Schulleiterverband NRW widmet. Mein Dank geht auch an den erweiterten Vorstand, der stets die Sorgen unserer Schulleitungen landesweit im Blick hat.

Unsere Schulleitungen möchten die Zukunft aktiv gestalten und sind bereit, sich auf den Weg zu machen, tradierte Widerstände zu überwinden.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen rundum tollen Sommer und, bitte: Nehmen Sie sich ganz persönlich Zeit zur Erholung und lassen Sie die Seele baumeln.

Mit freundlichen Grüßen

 

Dr. Antonietta P. Zeoli,
Vorsitzende der SLV NRW e.V.